VOLKER C. DÜTZER
 

Noch gleicht diese Rubrik dem Anfang eines Romans, nämlich einer leeren Seite mit einem blinkenden Cursor. Doch das soll sich bald ändern. Für alle, die interessiert, wie ein Buch entsteht, werden mein Ghostwriter und ich an dieser Stelle in unregemäßiger Reihenfolge Einblicke in das "Auf die leere Seite starren" und das verzweifelte "In-der-Nase-Bohren" eines Autors gewähren.




05.12.2018

Wenn ich nicht immer so huddeln würde, und nicht ein unüberschaubares Gewirr aus Zetteln, Notizbüchern und Dateien hätte, wüsste ich auch sofort, wie Lisa dem Mörder auf die Spur kommt. Es gibt kaum etwas Ärgerlicheres, als Ideen, die man auch noch festgehalten hat, nicht mehr wieder zu finden.


12.01.2018

Etwa ein halbes Jahr lang habe ich nun am neuen Manuskript mit dem Arbeitstitel "Jenseits der Nacht" geschrieben. Die letzten Kapitel ziemlich lustlos, was viele überraschen wird, mich übrigens auch. Eigentlich bereitet mir der Schluss eines Romans erfahrungsgemäß die wenigsten Probleme und den meisten Spaß. Es ist nun klar, wohin die Reise geht, was aus den Figuren wird und wie die Geschichte enden soll. Doch diesmal beschlich mich nach zwei Dritteln der Handlung das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmt. Das passiert schon mal, und ich habe gelernt, mich dadurch nicht beunruhigen zu lassen. Doch diesmal ließ sich das Gefühl nicht vertreiben. Ich war nahe dran, das verdammte Ding in die Tonne wandern zu lassen, was wiederum ein "Nein! Tu das nicht! Das wolltest du bei ,Nexx-Die Spur' auch!" meiner Agentin zur Folge hatte.

Stimmt, ,Nexx' landete zweimal im Papierkorb. Es ist der einzige Roman, zu dem ich keine handschriftlichen Aufzeichnungen mehr besitze, weil ich so frustriert war, dass ich an einem Samstagmorgen nicht nur das unfertige Manuskript von meiner Festplatte löschte, sondern auch alle Notizen in die grüne Tonne im Hof pfefferte. Da ich es aber nie dabei belassen kann, Dinge nicht zu Ende zu bringen - egal, was dabei herauskommt - holte ich Nexx wieder aus dem Abfalleimer, schrieb die eine Hälfte neu und die andere um, und landete meinen bisher größten Erfolg. Also blieb ich auch diesmal dran ... aber das neue Manuskript fühlt sich immer noch an wie eine Katze, die nicht gestreichelt werden will - widerspenstig und jederzeit bereit, mir die Hände zu zerkratzen.

Bis gestern also erschien mir die Arbeit an "Jenseits der Nacht" nicht nur wie das planlose Herumwühlen in einer riesigen Kiste mit Legosteinen - das ist relativ normal, ich kann's nicht anders. Inzwischen aber hatte ich die Steine zu einem wackeligen literarischen Eifelturm zusammengebaut, und zwei seiner vier Säulen drohten einzustürzen. Und ich wusste einfach nicht, warum.

In solch hartnäckigen Fällen helfen zwei Sachen: 1. Liegenlassen. 2. Sich einen Testleser suchen.

Möglichkeit Nr. 1 scheidet bei mir in der Regel aus, weil Geduld nicht zu meinen Talenten gehört.

Also blieb nur Möglichkeit Nr. 2.

Ich brach also die Überabeitung 100 Seiten vor dem erlösenden Wort "ENDE" ab und schickte das Manuskript meiner Agentin. Und dann passierte etwas sehr Merkwürdiges .(Das passiert offenbar jedes Mal, wenn ich dir unfertige Sachen schicke, liebe Anna, warum das so ist, weiß ich nicht.) Die wenigen Anmerkungen, die noch nicht mal am Kern des Problems kratzten, erwiesen sich wieder mal als Brechstange, um mein vernageltes Kreativitätszentrum aufzuhebeln.

James N. Frey, der "Schreibdoktor", dessen Tipps ich sehr schätze, sagte mal sinngemäß: "Mann muss lernen, den Traum noch einmal zu träumen."

Das bedeutet, die geniale Grundidee zu einem Roman auch dann noch so umzusetzen, wenn sie vom Befingern, Drücken und Kneten ein bisschen abgegriffen ist. Mir wurde klar, dass ich mal wieder meinen alten Fehler wiederholt habe (der in meinen Augen ein typischer Anfängerfehler ist - was mir eigentlich nicht mehr passieren sollte), nämlich mit einem unheimlichen, mysteriösen Start eine Menge Atmosphäre zu erzeugen, in dem aber ansonsten nichts von Belang passiert. Weil ich das instinktiv spürte, begann ich, die Abschnitte wieder und wieder umzustellen und zusammenzukleben. Irgendwann war ich dann so "betriebsblind", dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah. Dabei lag die Lösung zum Greifen nah: Es sind die beiden Kapitel, die ich bereits geschrieben, aber verworfen hatte! Und plötzlich lösen sich sämtliche Probleme von Plot und Motivation der Figuren auf wundersame Weise auf.

Ich glaube, von "Nexx-Die Spur" existieren in den Tiefen meines Computer mehr als vier verschiedene Romananfänge. Da bin ich diesmal noch gut weggekommen. ;-)

Also: Deckel auf, etwa 100 Seiten in die Tonne und tippen, was das Zeug hält.


Das "Herumschleichen" um die Tastatur.

Dieses Herumschleichen setze ich gleich mit der berühmt-berüchtigten Angst des Torwarts vor dem Elfmeter ... oder des Autors vor dem leeren Blatt. Ich kenne diese Angst und habe sie oft genug überwunden. Aber sie kommt - genau wie meine Muse - immer wieder zurück. (Die beiden scheinen sich zu kennen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie sitzen oben auf der Kante des Bildschirms, lassen die Beine baumeln, saufen Tequila und lachen sich über meine Versuche, unverbrauchte Sätze zu tippen, kaputt.)

Was macht man in so einem Fall?

Ich schalte den Rechner ein, warte eine halbe Ewigkeit, bis die alte Kiste hochgefahren ist, und gehe in der Zwischenzeit die Notizen durch, die ich gestern vor dem Schlafengehen gemacht habe. (Die besten Ideen habe ich oft kurz vor dem Schlafen, keine Ahnung, warum das so ist.)

Heute habe ich den Vorsatz, endlich wieder "richtig" an dem vertrackten Manuskript zu arbeiten. (Fortan kurz MS genannt.) DIe Finger schweben über der Tastatur, der Kopf ist leer wie eine hohle Nuss und die Muse sitzt auf dem Bildschirm und grinst sich eins. Mal sehen, was auf facebook los ist.

Das dauert etwa eine Viertelstunde, es ist jetzt kurz vor zehn. Jetzt wird's Zeit, endlich anzufangen, also gehe ich nochmal die Kritzeleien von gestern durch. Irgendwie hat sich das mal besser angefühlt. Aber da läuft ja noch die Leserund auf Lovelybooks, ich schaue schnell mal rein, ob jemand etwas Neues gepostet hat - man muss sich um seine Fans kümmern. Anschließend noch das Amazon-Ranking gecheckt und die Clicks ausgerechnet, die ich seit gestern auf meiner Homepage dazugekommen sind. Beides erweist sich nicht unbedingt als Motivationshilfe.

Inzwischen ist es halb elf, ich habe noch keine Zeile geschrieben. Ein fehlendes Komma ergänzt - immerhin.